DER ERDSTALL, Heft 11, Roding 1985

Der Erdstall“ ist die Jahresschrift des Arbeitskreis für Erdstallforschung. Sie erscheint seit dem Jahr 1975 und enthält Fachartikel zu künstlichen Höhlen und informiert über aktuelle Forschungsergebnisse.

Diese Seite bietet eine Übersicht und kurze Zusammenfassung der Inhalte.

Ausgaben von DER ERDSTALL können beim Arbeitskreis für Erdstallforschung bestellt werden (einige ältere Hefte sind bereits vergriffen).

Inhaltsverzeichnis

Karl Schwarzfischer: 10 Jahre Arbeitskreis für Erdstallforschung. S. 4–11

Otto Huth: Die Kulthöhle III – Zur Religionsgeschichte der Unterwelt. S. 12–17

Herbert Wolf: Heilzauber bei den Balkanslawen. S. 18–20

Karl Schwarzfischer: Alter Durchschlupfbrauch in Mariensteln. S. 21–23

Josef Weichenberger: Wurden die Erdställe als Zufluchtsanlage gebaut? – Ein zweitägiger Überlebensversuch bringt neue Erkenntnisse. S. 24–33

Fritz Markmiller: Zwei Erdställe im Raum Dingolfing. S. 34–40

Regine Glatthaar: Erdstall unter dem Gasthof Frischeisen in Falkenstein. S. 41–46

Werner Endres: Keramik aus Oberpfälzer Erdställen – eine kurze Übersicht. S. 47–50

Josef Weichenberger: Der Erdstall von Oberalberting Nr. 4, Gde. Pfaffing (Oberösterreich). S. 51–58

Max Poitel: „Zufluchts”-Souterrains und Rauchgase. S. 59–61

Karl Schwarzfischer: Neuentdeckter Erdstall in Lembach, Gemeinde Saldenburg, Lkr. Freyung-Grafenau. S. 62–70

Hans Falkenberg: Ein Ringfort und Souterrain im irischen Freilichtmuseum Craggaunowen nw. Limerick. S. 71–75

Peter Kiener: Das Erdstallmuseum in Walderbach. S. 76–83

Resi Schwarzfischer: Kurzberichte und Informationen. S. 84–93

Dorothée Kleinmann: Das Symposium der französischen Gesellschaft zur Erforschung der Souterrains in Châteauponsac. S. 94–98

Otto Huth: Alfred Stuiber zum Gedächtnis. S. 99

Karl Schwarzfischer: Nachruf für Günther Löhndorf. S. 100

Einladung zur Jahreshauptversammlung des Arbeitskreises für Erdstallforschung. S. 100

Register der Jahreshefte „DER ERDSTALL“ Nr. 1–10. S. 101–104

Symposium der franz. Gesellschaft zur Erforschung der Souterrains. S. 105

Dorothée Kleinmann: Résumés en langue française. S. 106–110


Exzerpte von Heike Gems-Müller

Einen Themenschwerpunkt der Jahresschrift DER ERDSTALL bildet die ausführliche Dokumentation von Erdstallanlagen. Stark komprimierte Fassungen dieser Erdstallbeschreibungen sind im Folgenden unter den Überschriften Erdställe sowie Erdstallähnliche Anlagen / Mögliche Erdstallfragmente zu finden. Die Einordnung der dokumentierten Anlagen in diese beiden Kategorien orientiert sich an einer Reihe spezifischer Merkmale. Als „Erdställe“ werden ohne Ausmauerung angelegte untertägige Bauten betrachtet, die aus winkelig verlaufenden, kaum mehr als schulterbreiten Gängen sowie kleinen Kammern bestehen, horizontal oder vertikal ausgerichtete Engstellen (Schlupfe oder Schlupfröhren) besitzen und zumeist mit unterschiedlich großen, aus dem anstehenden Gestein herausgearbeiteten Nischen bzw. Bänken, nicht selten auch mit Trockenmauern ausgestattet sind. Künstlich angelegte Höhlen und Stollen, die diesem Eigenschaftsprofil nur in groben Zügen entsprechen oder deren noch erhaltene Bereiche keine klaren Erdstallkennzeichen mehr aufweisen, werden der zweiten Kategorie zugeordnet.

Erdställe

S. 51–58: Oberalberting 4 (Pfaffing) / Bezirk Vöcklabruck, Oberösterreich (nach Beschreibung von J. Weichenberger): Beim Bau einer Kellerstiege unter einem Bauernhof wurde 1974 die zentrale Kammer des Erdstalls angeschnitten. Von dieser länglichen, 0,70 bis 1,10 m hohen Zentralkammer führten vier Abzweigungen weiter: Nach Südwesten und nach Südosten gelangte man durch niedrige Kriechgänge in zwei Kammern, die beide rundbogig gewölbte Decken besaßen und von denen die südöstliche zudem mit einem Luftschacht versehen war. Des Weiteren gab es an der Südseite der Zentralkammer eine Verbindung zu einer Stelle, an der ein kleiner Hügel aus von oben herabgestürztem Erdreich anzeigte, dass sich dort ein Bauhilfsschacht befunden haben könnte.
Am nördlichen Ende der zentralen Kammer, direkt neben dem nach Entdeckung der Anlage geschaffenen Zugang, führte eine nur 0,30 m hohe, 1,30 m lange Schliefröhre in einen weiteren Erdstallbereich, der aus einem gekrümmt verlaufenden Gang und einem davon abzweigenden, zweiten Gang bestand. Beide Gänge endeten verstürzt bzw. verschüttet. Beim anstehenden Boden, aus dem die Erdstallanlage herausgearbeitet worden ist, handelte es sich um eine „schlufige quartäre Ablagerung aus dem Moränengürtelsystem“. Mit Lageskizze, Grundriss, Längsschnitten und Fotos.

S. 62–70: Lembach (Saldenburg) / Lkr. Freyung-Grafenau, Niederbayern (nach Beschreibung von K. Schwarzfischer): Beim Hausneubau auf dem Gelände eines Bauernhofs wurde 1984 ein in grusig-lehmigem Sand gegrabener, unvollständig erhaltener Erdstall entdeckt. Nachdem man mindestens 10 m³ Wasser aus der Erdstallanlage gepumpt hatte, gewährte eine von zwei Einbruchstellen den Zugang zur in 2 m Tiefe liegenden Sohle eines rundbogigen Gangs. Der Gang war in westlicher Richtung verschüttet und im Osten durch eine Trockenmauer verschlossen, hinter welcher er sich jedoch fortsetzte, nach wenigen Metern rechtwinkelig nach Norden abknickte und in eine kleine Kammer mündete. Westlich der Trockenmauer besaß der Gang auf seiner Nordseite eine spitzbogige Öffnung, die in eine tiefer liegende, mit einer Lichtnische versehene, eigentümlich geformte Kammer führte. Die Kammer wurde aus zwei 60 cm breiten, 1 m hohen und 60 cm tiefen, spitzbogig ausgeführten Nischen gebildet, von denen die eine nach Nordwesten und die andere nach Nordosten ausgerichtet war. Die nordöstliche Nische erreichte man über eine Stufe. Die nordwestliche Nische wies einen kreisrund gearbeiteten, 95 cm weit abwärts führenden Schacht/Vertikalschlupf mit einem Durchmesser von 33/36 cm auf, an dessen Sohle ein Gang abzweigte, der nur 50 cm weit verfolgt werden konnte. Vor dem Schachteingang lehnte an der Nischenwand eine Verschlussplatte. Mit Lageplan, Grundriss, Querschnitte und Fotos.

Erdstallähnliche Anlagen / Mögliche Erdstallfragmente

S. 34–38: Oberdingolfing (Dingolfing) / Lkr. Dingolfing-Landau, Niederbayern (nach Beschreibung von F. Markmiller): Auf dem Kirchhof der St. Leonhardskirche wurde 1897 infolge einer Erdsenkung ein unterirdischer Hohlraum von ca. 6 m Länge und 0,80 bis 1,60 m Höhe entdeckt, durch einen Bericht sowie Skizzen dokumentiert und anschließend wieder verschlossen. In einer Tiefe von 1,50 m unter der Erdoberfläche, aber noch oberhalb des Hohlraums hat man zahlreiche Skelette gefunden, die dort zu einem unbekannten Zeitpunkt bestattet worden waren und wahrscheinlich in keinem Zusammenhang mit der darunterliegenden Höhlung standen. Mit historischen Skizzen.

S. 38–40: Poxau (Marklkofen) / Lkr. Dingolfing-Landau, Niederbayern (nach Beschreibung von F. Markmiller): 1978 sind beim Abriss einer ehemaligen Einsiedelei auf dem Kalvarienberg östlich des Schlosses 5 bis 6 m unter der Erdoberfläche in hartgepresstem Kies angelegte Gangfragmente freigelegt worden. Es handelte sich um einen 5 m langen 0,80 m breiten und 1,20 m hohen Hohlraum, von dem ein 0,80 m breiter und 0,60 m hoher Gang abzweigte, der sich nach kurzer Strecke in zwei Zweige gabelte, die noch etwa 3 m bzw. 5 bis 6 m weit feststellbar waren. Mit Lageplan/Grundriss, Gangquerschnitten und Fotos.

S. 41–46: Falkenstein / Lkr. Cham, Oberpfalz (nach Beschreibung von R. Glatthaar): In der Ortsmitte von Falkenstein befand sich unter dem Gasthof Frischeisen eine wohl unvollständig erhaltene erdstallähnliche Anlage, in die man durch einen gemauerten Zugang im alten Kellergewölbe des Hauses gelangte. Sie bestand aus einem bogenförmig von Osten nach Westen verlaufenden Gang, der an seiner südlichen Wand in regelmäßigem Abstand angebrachte Lichtnischen und an seiner nördlichen Seite zwei Abzweigungen aufwies. Zum einen zweigte ein Gang nach 5 m spitzwinkelig ab, der etwa 2 m weit nach Nordwesten führte, bevor er fast rechtwinkelig nach Norden abbog und nach 1 m endete. Zum anderen gab es kurz vor dem westlichen Ende des Hauptgangs eine ebenfalls in nordwestliche Richtung verlaufende, 1,20 m lange Abzweigung. Bemerkenswert war, dass die Gänge der Anlage stark variierende Querschnittsprofile, darunter eine umgekehrte Trapezform, besaßen. Mit Lageplan, Grundriss, Gangquerschnitten und Fotos.

Funde

S. 56: Oberalberting 4 (Pfaffing) / Bezirk Vöcklabruck, Oberösterreich (J. Weichenberger): Im Erdreich, mit dem zwei Gänge am nördlichen Ende des Erdstalls verschüttet waren, befanden sich mehrere Tonscherben, die von mittelalterlicher Gebrauchskeramik des 13. bis 15. Jahrhunderts stammten. Mit Foto (Abb. 8).

S. 47–50: Auswertung von Keramikfundkomplexen aus den Oberpfälzer Erdställen Eidengrub, Trebersdorf, Untervierau, Arnschwang, Aumbach, Wutzldorf, Neukirchen-Balbini und Hochbrunn (W. Endres):

  • Fundsituation: Alle Keramikfragmente befanden sich in den Verfüllmassen ursprünglicher Erdstallzugänge oder sekundärer Einsturzöffnungen.
  • Technologische Gruppen: Gefunden wurde nur unglasierte und glasierte Irdenware, z. T. mit zeitüblichen Dekorvarianten versehen. Aufwendige Verzierungstechniken fehlen.
  • Gefäßformen: Töpfe/Henkeltöpfe, Kannen/Krüge, Teller/Schüsseln/Schalen, Schüsselkachel/Blattkacheln, ein Kinderspielzeug und eine Backform.
  • Erhaltungszustand: Gefunden wurden „alle möglichen Variationen von extremer Kleinteiligkeit bis zu nahezu vollständigen Formen“.
  • Datierung: Zeitliche Einordnung der Funde vom 13. bis zum 18. Jahrhundert.
  • Funktion der Fundobjekt: Vorratshaltung, Kochen, Essen, Trinken, Heizung, Wärme, Licht.
  • Soziale Zuordnung: Die meisten Fundobjekte entsprechen einem weiten gesellschaftlichen Benutzerbereich der jeweiligen Zeit und sind als ubiquitär anzusehen. Es handelt sich durchweg um lokale Erzeugnisse.

Die Keramikfunde sind die einzigen Anhaltspunkte auf den Verfüllungszeitraum der Erdställe.

Deutung der Erdstallzweckbestimmung

Deutung von Erdställen als Orte, die zur Ausübung von Durchschlupf- und Abstreifbräuchen angelegt worden sind.

Zwei Beispiele für solches Brauchtum:

  • S. 18–20 (H. Wolf): Ein als Heilzauber im 19. Jahrhundert in einem serbischen Dorf praktizierter Brauch, bei dem ein unterirdischer Gang für einen Durchkriechbrauch hergestellt und benutzt worden ist.
  • S. 21–23 (K. Schwarzfischer):  Durchschlupfbrauch durch einen Spalt zwischen einem Felsen und dem Fundament der Kirche in Marienstein (Falkenstein / Lkr. Cham, Oberpfalz) als Ritus zum Abstreifen körperlicher oder seelischer Leiden.

Experimentelle Forschung

S. 24–33: Von J. Weichenberger beschriebenes Experiment zur Untersuchung der Eignung von Erdställen als Zufluchtsort bzw. Versteck:

Versuchsanordnung: 3 Personen verbrachten 48 Stunden im Erdstall Maierhof 18 bei Bad Zell (vgl. DER ERDSTALL 10). Die insgesamt 39 m lange, komplett erhaltene Erdstallanlage war während des Versuchs mit einer Holzplatte verschlossen. Die Auswahl von Beleuchtungsmitteln (Tonlampe, Kerzen) und Proviant orientierte sich an mittelalterlichen Verhältnissen. Aus Sicherheitsgründen und zur Datenerhebung waren außerdem ein Telefon, ein Sauerstoffmessgerät und ein Digitalthermometer Teil der Ausrüstung.

Ergebnisse:

  • Atemluft: Der Sauerstoffgehalt der Luft konnte wegen einer Fehlfunktion des Messgeräts nur während der ersten 7 Stunden des Experiments beobachtet werden. In diesem Zeitraum hatte sich der Ausgangswert von 20,9 Vol.‑% nur um 0,1 Vol.‑% verringert. Im weiteren Verlauf ihres Aufenthalts stellten die teilnehmenden Personen keine Probleme bei der Sauerstoffversorgung fest.
  • Beleuchtung: Als Lichtquellen dienten die Flammen zweier ständig brennender Kerzen sowie eine Tonlampe aus dem 13. Jahrhundert. Die Tonlampe passte perfekt in die vorhandenen, kleinen Wandnischen und erwies sich aufgrund ihrer Formgebung zur Ausleuchtung der Gänge sehr gut geeignet. Diese Erkenntnisse bestätigten die Annahme, dass derartige Nischen, die in den meisten Erdställen zu finden sind (nicht selten versehen mit Rußspuren, wie sie auch die im Versuch eingesetzte Lampe verursacht hatte), zum Aufstellen von Lampen geschaffen worden waren. Die ebenfalls durchgeführte Überprüfung der verschiedentlich geäußerten Vermutung, es könne sich bei den faustgroßen Vertiefungen um sog. Tastnischen handeln, ergab, dass die Nischen bei der Orientierung im Dunkeln keinerlei Hilfe boten.
  • Lufttemperatur: In der oberen Erdstallebene betrug die gemessene Temperatur 6,7 °C und in der mittleren Ebene 7,5 °C. Die Werte blieben während der 48-stündigen Aufenthaltszeit konstant, nur in demjenigen Bereich, in dem sich die drei Versuchsteilnehmer nahe beieinander aufhielten, stieg die Temperatur um 1,6 °C an. Die relativ niedrigen Temperaturen waren unangenehm, aber mit warmer Kleidung, Schlafsäcken und isolierenden Sitz- bzw. Schlafunterlagen zu bewältigen.
  • Bearbeitungsspuren: Die während des Aufenthalts durchgeführte Vermessung von Bearbeitungsspuren ergab, dass beim Erdstallbau zwei Werkzeuge mit unterschiedlich breiten Schneiden – 17,4 bzw. 21,5 mm – zum Einsatz gekommen waren. Die Haumarkenlänge in einem geraden Gangabschnitt variierte zwischen 12 und 18 cm.
  • Akustische Versuche: Im Erdstall erzeugte Klopfzeichen ließen sich an der Oberfläche nur annäherungsweise lokalisieren. Während Schritte aus dem darübergelegenen Haus im Erdstall gut zu hören waren, ließen sich im Erdstall erzeugte laute Rufe oben nicht vernehmen.
  • Mentale Verfassung: Körperliche Nähe, eine zumindest kleine Lichtquelle und ein strukturierter Tagesrhythmus bildeten wichtige Faktoren, um Angstgefühlen entgegenzuwirken.  

Fazit: Ein zweitägiger Aufenthalt in einem Erdstall ist zwar äußerst unangenehm, aber ohne unüberwindliche Schwierigkeiten möglich.

(Den vollständigen Artikel finden sie hier.)

S. 59–61: Ergänzend zu einem Experiment, bei dem Feuer an einem Erdstalleingang entfacht worden ist, um die Überlebenschancen im Erdstall versteckter Menschen im Brandfall zu untersuchen (s. DER ERDSTALL 7), macht M. Poitel Angaben zur Zusammensetzung und Wirkung von Rauchgasen: Er weist darauf hin, dass neben dem Sauerstoffmangel auch verschiedene chemische Produkte, die bei der Verbrennung unterschiedlicher Materialien entstehen, sowie Kohlendioxyd eine Bedrohung für den menschlichen Organismus darstellen.

Weitere unterirdische Anlagen

S. 72–75: Eine von H. Falkenberg angefertigte Beschreibung eines rekonstruierten Ringforts mit unterirdischem Gangsystem im irischen Freilichtmuseum von Craggaunowen bei Quin, County Clare: Ringforts waren ringförmige Wallanlagen, die man in Irland von etwa 400 v. Chr. bis ins hohe Mittelalter zum Schutz der Bewohner und des Viehbestands eines Bauernhofs gebaut hat. Zu dem im Freilichtmuseum von Craggaunowen gezeigten Ringfort gehörten auch unterirdische Gänge, wie sie im Mittelalter häufig bei solcherart befestigten Gehöften angelegt worden sind. Ein senkrechter Schacht mit Leiter führte zu einem aus Natursteinen in Kragbauweise angelegten Gang, der sich nach einigen Metern in zwei Zweige gabelte, von denen der eine am Fuß des Ringwalls ins Freie und der andere in eine ovale Kammer führte. Mit Skizzen und Fotos.